Von KNA Am

In Das Heilige Jahr in Rom

Berlin, 3.4.16 (kath.ch) Schuld und Sühne, vergeben und vergessen – es sind keine leichten Themen, mit denen sich die Philosophin Svenja Flasspöhler in ihrem soeben erschienen Buch befasst. Im Interview der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt sie, warum Verzeihen nicht einfach ist – aber sinnvoll.

Paula Konersmann

Frau Flasspöhler, ist das Verzeihen für den Menschen eine leichte Übung?

Flasspöhler: Nein, Verzeihen – das wahre Verzeihen – ist nie leicht. Wenn ich aus Versehen in der U-Bahn angerempelt werde und der Rempler bittet um Verzeihung, ist diese Bitte ja nur eine Floskel. Das wahre Verzeihen, um das es mir in meinem Buch geht, wird virulent angesichts schwerer, ja schwerster Schuld. Nur das Unverzeihbare ruft nach Verzeihung, meint der französische Philosoph Jacques Derrida. Ein sehr wahrer Satz.

Kann man lernen zu verzeihen?

Flasspöhler: Nicht wie eine Sprache oder eine neue Sportart. Das Verzeihen ist keine Technik, ihm wohnt immer auch Unverfügbares inne; ähnlich wie der Kunst oder der Liebe. Aber man kann sich Klarheit darüber verschaffen, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Verzeihen möglich ist. Das versuche ich in meinem Buch anhand von drei Fragen: Heisst verzeihen verstehen? Heisst verzeihen lieben? Heisst verzeihen vergessen?

Mit Blick auf die Verbrechen der Nazizeit wird immer wieder gefordert, die Schuldfrage abzuschliessen. Ist das möglich?

Flasspöhler: Ich habe unter anderem mit zwei Holocaust-Überlebenden gesprochen. Sie sagen, es sei nicht ihr Recht, zu verzeihen: Sie haben überlebt, die wahren Opfer seien in den Todeslagern gestorben, und mit ihnen das Verzeihen. Die Schoah bleibt unverzeihbar, sagen auch Hannah Arendt und Vladimir Jankelevitch, weil sie ein Verbrechen gegen die Menschheit ist.

Sie verweisen darauf, wie viele jüdische Philosophen sich – trotzdem oder gerade deshalb – mit dem Verzeihen beschäftigen …

Flasspöhler: Jacques Derrida, Emmanuel Levinas, Hannah Arendt, Vladimir Jankelevitch: Sie alle waren jüdischer Abstammung, und sie alle haben sich eingehend mit dem Verbrechen auseinandergesetzt. Die Schoah ist eine Art Fluchtpunkt der Philosophie des Verzeihens. Erinnern wir uns noch einmal an den Satz von Jacques Derrida: «Nur das Unverzeihbare ruft nach Verzeihung.» Die Schoah ist der Inbegriff des Unverzeihbaren.

Ist es dann überhaupt möglich, von einer Gesellschaft begangene Verbrechen zu verzeihen?

Flasspöhler: Das Verzeihen ist zunächst ein Akt, der sich zwischen zwei Menschen ereignet. Dennoch spielt das Ganze auch auf staatlicher Ebene immer wieder eine Rolle: Denken Sie an Joachim Gauck, der in dem griechischen Dorf Lingiades um Vergebung für Wehrmachtsverbrechen gebeten hat, oder denken Sie an den Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Aufständischen im Warschauer Ghetto. Das sind wichtige Rituale und Symbole – und trotzdem haftet ihnen immer, das sagt ebenfalls Derrida, etwas Theatralisches an.

Kann derjenige, der sich schuldig gemacht hat, etwas zum Verzeihen beitragen?

Flasspöhler: Es fällt sicherlich oft leichter zu verzeihen, wenn es eine Reuebekundung oder ein Schuldeingeständnis gibt. Im Beichtstuhl funktioniert es so: Nach Reue und Schuldeingeständnis wird die Absolution erteilt. Aber ist das nicht letztlich eine Tauschwertlogik? Braucht ein Verzeihen, das sich zwischen Menschen ereignet, wirklich unbedingt die Reue auf Seiten des Täters? Braucht es diese Genugtuung? Überdies gibt es viele Täter, die erst durch die Geste des Verzeihens die Bereitschaft entwickeln, sich zu ihrer Schuld zu verhalten.

Bleiben wir noch einen Moment bei Beichte und Vergebung. Welche Rolle spielen diese christlichen Ansätze für das Verzeihen?

Flasspöhler: Der Wunsch danach, eine Schuld loszuwerden, ist zutiefst menschlich. Die Beichte ist eine Kulturtechnik, die das ermöglicht.

Derzeit begeht die katholische Kirche das Jahr der Barmherzigkeit. Kann das – neben so etwas wie der Beichte – beim Sühnen einer Schuld und beim Verzeihen helfen?

Flasspöhler: Auch bei der Barmherzigkeit geht es darum, den Menschen nicht mit seiner Tat, seinen Sünden gleichzusetzen. Es ist der liebende Blick, der die Erkenntnis ermöglicht: Dieser Mensch ist mehr, ist besser als seine Tat.

Nach aufsehenerregenden Gewalttaten wird schnell über Strafmass und Gesetzesänderungen debattiert. Geht das am Kern des Problems vorbei?

Flasspöhler: Der Ruf nach Gerechtigkeit, beispielsweise nach materieller Entschädigung, ist natürlich berechtigt. Doch ich habe mit einer Mutter gesprochen, deren Tochter beim Amoklauf in Winnenden ermordet wurde. Sie sagte, es sei illusorisch zu glauben, dass der Vater des Schützen eine Mitschuld erkennt, nur weil er zigtausend Euro zahlen muss. Sie bezweifelte auch, ob lebenslange Gefängnisstrafen produktiv sind, gar zu innerer Einsicht führen.

Strafe muss sein – hilft aber nicht immer weiter?

Flasspöhler: Friedrich Nietzsche hat die Prognose gewagt, dass in ferner Zukunft die wahrhaft fortschrittliche Gesellschaft auf die Strafe verzichtet. Und genau das besagt ja das Wort «Verzeihen»: Verzicht auf Vergeltung. Das Verzeihen ist eine stiftende, gebende Geste. Eine Investition in die Zukunft. (kna)