Georges Scherrer

Von Georges Scherrer Am

In Das Heilige Jahr in der Schweiz

St. Gallen, 9.5.16 (kath.ch) Ein starker Lichtkontrast zeigt die Heilige Pforte in der Kathedrale St. Gallen an. Wer durch das Portal tritt, gelangt in den Kreuzgang des ehemaligen Benediktinerklosters, wo mehrere Stationen verschiedene Werke der Barmherzigkeit illustrieren. Für den Besinnungsweg, den das Bistum St. Gallen für das Jahr der Barmherzigkeit vorbereitet hat, ist der «Beauftragte für das Heilige Jahr» Philipp Hautle zuständig.

Georges Scherrer

Die Heiligen Pforten zum Jahr der Barmherzigkeit haben in der Schweiz verschiedene Formen. Zum Teil wurde, wie in Saint-Maurice im Wallis, ein Seiteneingang zur Kirche zur Heiligen Pforte erhoben. In Chur ist sie identisch mit dem Hauptportal der Kathedrale. Das Kloster Einsiedeln stellte eigenes eine symbolische Pforte vor dem Kloster auf. In Freiburg befindet sich eine analoge Konstruktion im Inneren der Kathedrale.

Etwas anders präsentiert es sich in St. Gallen. Ein Eingang zur Kathedrale St. Gallen befindet sich im hinteren Teil des Kirchenschiffs in einer schattenspendenden Loggia. Dort gibt es mehrere Türen. Eine davon wurde für das Heilige Jahr geöffnet. In den Steinbogen über der Tür wurde das Wort «Misericordia» gemeisselt. Die Inschrift wird bleiben. Noch bis zum 16. November stehen mehrere Stationen zur Barmherzigkeit im hell erleuchteten Kreuzgang, die Philipp Hautle vorbereitet hat.

Sogleich nachdem der Besucher aus der dunklen Loggia durch die Heilige Pforte geschritten ist, stösst er auf ein mächtiges Bild, das den Barmherzigen Samariter zeigt. Philipp Hautle, der regelmässig Besucher auf dem Besinnungsweg der Barmherzigkeit in St. Gallen begleitet, verweist auf die Wirkung, welches das Bild auf Besucher auslöst. «Viele Leute bringen dieses Bild im ersten Moment nicht mit der Kirche in Verbindung. Sie denken an den Samariterverein und sagen: Ich kann auch barmherzig handeln, wenn ich nicht in die Kirche gehe.»

Solche Bemerkungen führen zu sehr spannenden Gesprächen, sagte der Begleiter durch das Heilige Jahr. Viele Menschen sind vom Beispiel angetan, das Papst Franziskus gibt. Er spreche nicht nur von Barmherzigkeit, er lebe sie auch, heisse es jeweils sehr schnell von Seiten der Besucher.

Barmherzigkeit in Varianten

Auf weitere Bilder und Werke der Barmherzigkeit weist der Weg  hin, der in einem Teil des Kreuzganges ausgelegt wurde. An einer Plakatwand hängen Informationen und Gedankensplitter darüber, was Barmherzigkeit auch alles sein kann. Dokumentiert ist die diesjährige Fastenaktion zum Thema Gold und Ausbeutung. Kinder haben auf einem Blatt ihre Ideen zur Barmherzigkeit festgehalten. Dem Besucher bleibt es überlassen, die Brücke von dieser zu «Youtube», «Sonntag», «Sorge geben», «Hufen», «nett», «Behandlung» oder auch «Familie» zu schlagen.

In verschiedenen Sprachen hängt die biblische Geschichte des Barmherzigen Samariters an der Wand. Wer es wünscht, kann den Text auf Arabisch und Chinesisch haben. Hingewiesen wird auf die Dienste der «Dargebotenen Hand», der «Rega» oder von «Pro Senectute». Ein Bild zeigt einen Uno-Hilfskonvoi, der nach monatelangen Verzögerungen die belagerte Stadt Madaya in Syrien mit Nahrungsmitteln erreicht.

Philipp Hautle hat die Fensternischen des Kreuzgangs dazu ausersehen, Projekte von Leuten aus St. Gallen zu zeigen, die anderen Menschen helfen. Dazu gehört der Verein SolidarAndhra, der Familien in Indien unterstützt und eine Taubstummenschule führt. Oder die Stiftung Kiran, welche behinderten Kindern und Jugendlichen in Indien eine Zukunft geben will.

Ein Gang für die Sinne

Nicht fehlen darf auf dem Weg der Hymnus für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit, der mit den Worten beginnt: «Misericordes sicut Pater!» – auf Deutsch: «Seid barmherzig wie der Vater!» Philipp Hautle pflegt ihn jeweils mit den Besuchern des Parcours zu singen. Auf einem kleinen Faltblatt liegt der Text zum Mitsingen griffbereit.

Wer an das Ende des Kreuzgangs gelangt, dem öffnet sich auf einmal der Blick in die hell strahlende Kathedrale der Stadt. Vom Kreuzgang führt Philipp Hautle die Besucher in das kunstvolle, barocke Kirchenschiff. Hier steht der Besuch der Krypta an, wo sich seit einigen Jahren ein modernes Reliquiar befindet. Dieses birgt einen Teil eines Schädeldeckels, der dem Heiligen Gallus zugesprochen wird.

Beendet wird der Besinnungsweg beim Taufbecken, in welchem sich vom Gewölbe der Kathedrale 48 Heilige spiegeln. Das Becken enthält auch das Weihwasser, mit dem die Besucher sich bekreuzigen, bevor sie die Kirche verlassen. Auf dieses Weise schliesst das Taufbecken mitten im Kirchenschiff den Besinnungsweg ab, der mit dem Heiligen Pforte geöffnet wird.

Zeit für Gespräche

Die «offizielle Führung» ist nun zwar beendet. Die Seelsorgenden, welche die Besucher am Mittwochnachmittag begleitet haben, stehen aber noch für zwei Stunden zu Gesprächen im Kreuzgang oder in der Kathedrale zur Verfügung. «Für mich ist es das Schönste, wenn ich sehe, wie viele Menschen durch die Pforte gehen und dann ein anderes Mal wiederkommen. Und ich habe noch niemanden getroffen, der sagte: Das mit der Barmherzigkeit ist ein Blödsinn. Die Leute meinen vielmehr: Wenn die Kirche eine Berechtigung hat, dann ist es der Weg der Barmherzigkeit», sagte Philipp Hautle zum Abschluss der Begegnung. (gs)