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Von KNA Am

In Das Heilige Jahr in Rom

Bonn, 3.12.15 (kath.ch) Der Begriff klingt ein wenig altmodisch: Barmherzigkeit. Allerdings scheint er eine gewisse Konjunktur zu haben – nur selten unter diesem Label. Wir sprechen eher von Mitgefühl, Humanität oder was wir sonst für ein Synonym für Barmherzigkeit halten. Etwa in der Flüchtlingsfrage, in der wir uns immer wieder mit moralischen und existenziellen Fragen auseinandersetzen müssen.

Leticia Witte

Selbst ein linker deutscher Politiker zitierte kürzlich in einer Bundestagsdebatte im Zusammenhang mit der Aufnahme von Flüchtlingen einschlägige Verse aus dem Matthäus-Evangelium: «Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.»

Just dieses Verhalten gehört zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit. Daneben gibt es die geistigen: zum Beispiel Trauernde zu trösten, Zweifelnde zu beraten oder Lästige zu ertragen. Die Barmherzigkeit steht im Mittelpunkt des ausserordentlichen Heiligen Jahres, das Papst Franziskus ausgerufen hat und das am Dienstag, 8. Dezember, beginnt. Können wir im Alltag heute mit dem Begriff Barmherzigkeit etwas anfangen – zumal in einer Leistungsgesellschaft, in der oft genug die Ellenbogen zählen?

Moderne Samariter

Es gibt Menschen, die in säkularen Zusammenhängen als «barmherziger Samariter» bezeichnet werden. Sie handeln also wie der Mann aus dem Lukas-Evangelium, der einem schwer verletzten Überfallopfer hilft, nachdem andere achtlos vorbeigegangen sind. Rupert Neudeck ist so einer. Zum Beispiel rettete er Ende der 70er Jahre mit seinen Mitstreitern auf der «Cap Anamur» vietnamesische Flüchtlinge aus dem Chinesischen Meer.

Neudeck selbst hat einmal auf die Frage, wie er die Kraft für sein humanitäres Engagement aufbringt, auf den barmherzigen Samariter verwiesen: «Diese Geschichte tritt mir immer wieder in den Bauch: Du bist zuständig für die Not anderer Menschen. Jetzt, sofort.»

Auch andere lassen sich von diesem Gleichnis bei ihrer Arbeit in der Pflege oder Flüchtlingshilfe leiten. «Wenige biblische Texte sind für die Caritas-Arbeit so prägend geworden wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der Erzählung eines Menschen, der sich von der Not ansprechen lässt und hilft, ungeachtet der Volkszugehörigkeit oder des religiösen Bekenntnisses», erklärt der deutsche Caritas-Präsident Peter Neher. Diese Haltung ziele auf das menschliche Zusammenleben.

Und noch ganz anderes gehört in den Kontext der Barmherzigkeit: die «nachhaltige Schöpfungssorge» (Sustainable development) als «neues Werk der Barmherzigkeit», wie es im Lexikon für Theologie und Kirche heisst. Darum wird gerade beim Weltklimagipfel in Paris gerungen.

Von oben herab

Der Begriff der Barmherzigkeit ist nicht nur positiv, wie etwa in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen, besetzt: Jemand wende sich einem anderen Menschen zu, obwohl er es nicht müsse – da werde eine deutliche Hierarchie von oben nach unten sichtbar, sagt der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Eine Haltung von oben herab würde heute kaum jemand in einer Behörde oder in der Politik akzeptieren.

Wenn Barmherzigkeit allerdings in «eine individuelle Tugendlehre» eingebettet sei, habe der Begriff eine Chance, «modern zu sein». Sellmann spricht in diesem Zusammenhang von «Fehlerfreundlichkeit» – mit der man zum Beispiel mitten in einem Bahnchaos dem Schaffner ohne Aggressivität gegenübertritt, weil dieser nichts dafür kann.

Gegen die Logik der eigenen Existenz

Der Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung ist sich sicher: Wir brauchen eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit. In Unternehmen zum Beispiel: «Es kommt viel mehr Kreativität heraus, wenn man auch mal Fehler machen darf.» Der Zuzug von Flüchtlingen habe dem Begriff der Barmherzigkeit eine neue Konjunktur gegeben, meint Sellmann. Viele Deutsche zeigten sich gütig und freundlich; der Staat gewähre den Schutzsuchenden Rechtsansprüche.

Es gebe allgemein Situationen, in denen man merke: «Wenn ich jetzt nicht aufpasse, verrate ich mich selbst. Ich gehe frontal gegen die Logik meiner eigenen Existenz oder der Dinge, die mich ausmachen. Da sind wir im Bereich von Barmherzigkeit.» (kna)